Beim Warnstreik bezeichnet die IG Metall das Angebot der Arbeitgeberseite als Provokation. Auf weitere Streiks vorbereitet.

Sie sind durch Oberstolberg und Unterstolberg gezogen, um ihre Forderung lautstark mitzuteilen: Mehr als 350 Beschäftigte aus Metallbetrieben in Stolberg und Eschweiler haben sich gestern an einem mehrstündigen Warnstreik beteiligt und an zwei Demonstrationszügen, die sich auf dem Willy-Brandt-Platz zu einer großen Kundgebung trafen. Dort nannte Martin Peters, 1. Bevollmächtigter der Industriegewerkschaft (IG) Metall Stolberg/Eschweiler, es wirtschaftlich gerechtfertigt, eine Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütung um fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten zu fordern.

„Wer gute Leistungen will, muss sich gut bezahlte Beschäftigte leisten“, sagte Peters und bezeichnete das erste Arbeitgeber-Angebot einer Erhöhung um 0,9 Prozent als eine Provokation. „Und das ist auch mit dem zweiten Angebot, in dem sie 2,1 Prozent für 24 Monate bieten, nicht besser geworden“, meinte der IG-Metall-Bevollmächtigte. „Das ist eine Missachtung von Arbeitsleistung und gesamtwirtschaftliche Unvernunft.“

Die Wirtschaft in Deutschland sei auf stabilem Wachstumskurs, und der Aufschwung werde von privatem Konsum getragen. „Wenn die Arbeitgeber nun diesen Konjunkturtreiber abwürgen wollen, ist das kurzfristiges betriebspolitisches Denken auf Kosten der gesamten Wirtschaft.“ Peters zitierte Henry Fords berühmten Satz „Autos kaufen keine Autos“ und betonte: „Wir sind es, die Autos kaufen, die Handwerker bestellen und die konsumieren. Wir sind der Motor der Konjunktur. Wer das nicht erkennt, wer den Konsum jetzt mit falscher Lohnpolitik bremst, der würgt auch die Konjunktur ab.“ Allein die fünf größten Konzerne der Metall- und Elektroindustrie würden in diesem Jahr für ihre Aktionäre mehr Dividenden ausschütten, als die Entgelterhöhung um fünf Prozent für alle 3,8 Millionen Beschäftigten in der Branche kosten würde, wog Peters ab.

„Makel für die Branche“

Die IG Metall nehme sich in dieser Verhandlungsrunde auch Betriebe ohne Tarifbindung vor. „Die Kollegen verdienen in solchen Betrieben rund 25 Prozent weniger. Einkommensnachteile und schlechtere Arbeitsbedingungen für etwa 100 000 Beschäftigte in NRW, die in nicht tarifgebundenen Unternehmen arbeiten, sind ein Makel für die gesamte Branche.“ Würden die Arbeitgeber nicht endlich vernünftig verhandeln, werde die IG Metall nicht zögern, einen weiteren Schritt zu gehen: „Wir sind auf 24-Stunden-Streiks nach Pfingsten vorbereitet.“

Solidarität mit den streikenden Metallern zeigten unter anderem Peter Mogga, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) Region Aachen, und der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Kämmerling. „Die Arbeitgeberseite führt an, es drohe die Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Fakt ist aber, dass wir derzeit das Gegenteil erleben“, sagte Kämmerling. Erhoffte Kostenvorteile durch Produktionsverlagerungen ins Ausland schlügen sich eben nicht in Effizienzvorteilen nieder, weil „billig nicht automatisch günstig ist, und es ein Trugschluss ist, dass im Ausland jeder das kann, was Ihr hier vor Ort leistet“, richtete Kämmerling das Wort an die Streikenden.

(Quelle: Stolberger Nachrichten / Stolberg Zeitung vom 04.05.2016; Bericht von Dirk Müller)