Bild: Stefan Kämmerling

Bild: Stefan Kämmerling

Wir zitieren die Eifeler Zeitung vom 05.05.2010:

Axel Wirtz und Stefan Kämmerlin kämpfen um die Mehrheit im Wahlkreis Aachen IV. Bis Sonntag tun sie alles, um den Konkurrenten abzuhängen.

Von René Benden

Aachen. Klinkenputzen. Seit Wochen tut er das schon. Heute ist Nothberg dran, ein Dorf bei Eschweiler. „Guten Tag, mein Name ist Stefan Kämmerling.

Ich bin ihr Landtagskandidat von der SPD. Ich wollte mich nur mal bei Ihnen vorstellen, damit sie mich nicht nur von den Plakaten kennen.“ Die Frau an der Haustür – mit dem Staubwedel in der Hand – blickt für einen kurzen Moment besorgt, als hätten die Zeugen Jehovas geklingelt. Aber ihre Gesichtszüge entspannen sich schnell, als sie erkennt, dass es nur ein Sozialdemokrat auf Wahlkampftour ist. „Ich wollte ihnen nur meine Visitenkarte und einen Kugelschreiber geben“, sagt der Mann auf der Treppe. Die Frau lächelt: „Oh, das ist aber nett. Vielen Dank.“ Stefan Kämmerling erwidert ihr Lächeln. Vielleicht hat er ja gerade eine Wählerin hinzugewonnen. Dann steigt er die Treppe zur nächsten Haustür hinauf.

Alle Register ziehen

Auch wenn er sich schon seit Februar unbezahlten Urlaub genommen hat, wird es Kämmerling nicht gelingen, sich bis zum Tag der Entscheidung am 9. Mai bei den rund 150 000 Wahlberechtigten im Wahlkreis Aachen IV persönlich vorzustellen. Es gibt sogar Erhebungen, die im Wahlkampf von Hausbesuchen abraten: zu gering die Abdeckung, zu groß die Gefahr, durch das Anklopfen an der Haustüre auch die Wähler des Gegners zu aktivieren. Kämmerling kennt diese Studien. „Ich mache das trotzdem, denn in meinen Augen ist die Bürgernähe eine der größten Stärken der SPD.“ Und so hetzt Kämmerling in diesen Wochen von Termin zu Termin, um sich einen Traum zu erfüllen: Landtagsabgeordneter werden.

Dem jungen Sozialdemokraten bleibt nichts anderes übrig, als alle Register im Wahlkampfes zu ziehen. Sein direkter Gegner von der CDU ist Axel Wirtz. Was der 34-jährige Kämmerling werden will, ist Wirtz schon seit elf Jahren. Der 52-jährige Wirtz ist das, was man in der lokalen Politik einen alten Hasen nennt. Kämmerling war noch nicht zur Kinderkommunion gegangen, da saß Wirtz schon im Stadtverband der Stolberger CDU. Und nun sind sie Konkurrenten. Da sie sich keine Hoffnung machen können, über einen Listenplatz ins Parlament zu rücken, entscheidet ihr Zweikampf über den persönlichen Sieg oder eben die persönliche Niederlage.

Wären Wirtz und Kämmerling nicht Politiker, sondern Boxer, würden sich die Promoter angesichts dieses Duells die Hände reiben. Die wirksame Vermarkung dieses Kampfes schriebe sich von selbst: In der roten Ecke der ehrgeizige Herausforderer aus der SPD-Hochburg Eschweiler, der alle Kräfte mobilisieren wird, um den Titel an sich zu reißen. In der schwarzen Ecke der regional ungeschlagenen CDU-Champ, der auf seine Erfahrung setzt, um seinen Platz zu behaupten. Ring frei.

Wirtz nimmt die Herausforderung dann auch sportlich. Über seinen Konkurrenten sagt er, dass er ein sehr fleißiger junger Mann sei, doch eine Chance sieht er für Kämmerling nicht. „Man muss am Ende auch die Durchsetzungsfähigkeit haben. Und die habe ich.“ Ende der Durchsage.

Laut Wirtz gibt es zwei Ursachen für seine Siegesgewissheit. „Zum einen hat die CDU in den vergangenen fünf Jahren sehr gute Regierungsarbeit gemacht.“ Zum anderen verfüge er in seinem Bezirk über ein enges soziales Netzwerk. Er kennt seinen Wahlkreis, und sein Wahlkreis kennt ihn. „Durch den Fußball habe ich schon früh unheimlich viele Leute kennengelernt. Das kommt mir heute noch zugute“, sagt Wirtz. Seit Teenagerzeiten war er Schiedsrichter für den SV Gressenich. Und so kam er durch die ganze Region. Zwischen Vaalserquartier und Steckenborn kennt Wirtz alle Fußballvereine, ihre ersten Vorsitzenden und die jeweilige Vereinskneipe. Bei dem einen oder anderen Wähler mag das wichtiger sein als das schulpolitische Konzept der CDU.

Kämmerling weiß um diesen Vorteil seines Rivalen. Um ihn auszugleichen, arbeitet er im Wahlkampf nach dem Modus: Wo Wirtz hinkommt, da bin ich schon gewesen. Und das ist gar nicht so einfach. Denn auch Wirtz ist in den letzten sechs Wochen vor der Wahl von früh bis spät ununterbrochen in eigener Mission unterwegs. Die Dichte in Kämmerlings Terminkalender ist gesundheitsgefährdend. Zwischen 4 Uhr morgens und 22 Uhr abends gehört der Tag dem Ziel Landtag. Wenn er sagt: „Ich kann so einen Wahlkampf nur jedem empfehlen, der ein paar Kilo verlieren will“, ist dass die lakonische Umschreibung dafür, dass die vergangenen Wochen an die Substanz gegangen sind. Nüchtern betrachtet ist das aber die einzige Chance von Kämmerling, den Popularitätsnachteil gegenüber Wirtz auszugleichen. In der Politik ist es eben auch manchmal wie beim Boxen. Der Herausforderer muss schon deutlich mehr tun, wenn er den Champ nach Punkten schlagen will.

Den Fleiß seines jungen Rivalen vor Augen, setzt Wirtz auf demonstrative Gelassenheit und Erfahrung: „Das habe ich früher auch so gemacht, aber mit der Zeit lernt man auch, welche Dinge effektiv sind und welche nicht.“ Er wählt seine Auftritte selektiver nach ihrem Nutzen und versucht seine Stärken auszuspielen. Und Wirtz Stärke ist vor allem, dass er sich als Mann der Basis präsentieren kann, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Wenn er in kleiner Runde erklärt, warum die Kanalgebühren in der Eifel so sind, wie sie nun einmal sind, duzt er die Runde seiner Zuhörer auch schon einmal, ohne dass das störend wäre – im Gegenteil. Und ein kumpelhafter Klaps auf den Oberarm des Gesprächspartners ist für Wirtz ein probates Mittel, um Bürgernähe herzustellen.

Kämmerlings Herangehensweise ist eine andere. Er hat für sich erkannt, dass man als Sozialdemokrat in einem strukturell so vielschichtigen Wahlkreis von Eschweiler bis nach Imgenbroich nur Erfolg haben kann, wenn man versucht in die politische Mitte zu zielen, ohne die traditionellen Wurzeln seiner Partei zu vernachlässigen. Die sozialdemokratischen Gene wurden ihm quasi in die Wiege gelegt. Sein Großvater und sein Vater arbeiteten in der metallverarbeitenden Industrie Eschweilers. Er schlug nach der Schule eine Bankenlehre ein und arbeitete 17 Jahre lang für dieses Institut. Die berufliche Sozialisation sieht man seiner eleganten Kleidung an. Und wenn er nun morgens zu Beginn jeder Frühschicht vor den Toren der verbliebenen industriellen Betriebe in der Region steht und bei der Belegschaft um Unterstützung wirbt, achtet er darauf, Pullover und Jeans zu tragen. Gleichzeitig pflegt er über I-Phone seine Profilseiten bei Twitter und Facebook, um auch die junge Wählergeneration anzusprechen. Kämmerling gehört zur Generation Sozialdemokrat 2.0.

Die Beiden laufen sich nun fast täglich über den Weg. Freunde werden sie nicht werden, doch der Umgang miteinander, das betonen beide, sei respektvoll. Das ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Zwar geht es in erster Linie darum, ob die CDU oder die SPD einen Sitz im Landtag mehr hat. Doch daran geknüpft sind ja auch konkrete berufliche Perspektiven. Kämmerling, der seit Februar von seinen Ersparnissen lebt, spekuliert auf den Job eines Abgeordneten. Gelingt ihm das, muss sich Wirtz nach elf Jahren eine neue Arbeitsstelle suchen.

Wer am Ende die Nase vorne hat, muss nun der 9. Mai zeigen. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, sagen die Meinungsforscher von election.de. Beide sind siegesgewiss. Kämmerling sagt, es sei an der Zeit, „dass aus seinem Wahlkreis endlich wieder ein Sozialdemokrat nach Düsseldorf geschickt wird“. Wirtz will, dass Kämmerling bleibt, wo er ist: „Bürgermeister von Eschweiler. Das wäre doch auch eine Alternative.“

„Durch den Fußball habe ich schon früh unheimlich viele Leute kennengelernt. Das kommt mir heute noch zugute.“

Axel Wirtz, CDU-Kandidat

„Ich kann so einen Wahlkampf nur jedem empfehlen, der ein paar Kilo verlieren will.“
Stefan Kämmerling SPD-Kandidat

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