Energiegeladene Diskussion: (von links) Albert Borschardt, Oliver Krischer, Stefan Kämmerling, Ralf Wölk und Patrick Nowicki. Foto: Stefan Herrmann

Energiegeladene Diskussion: (von links) Albert Borschardt, Oliver Krischer, Stefan Kämmerling, Ralf Wölk und Patrick Nowicki. Foto: Stefan Herrmann

Wie geht’s nach 2030 weiter in der Braunkohleregion? Das Regionalforum der IG BCE sucht mit Politikern nach Antworten.

Von Stefan Herrmann

Eschweiler. Ein wenig fehlte an diesem Abend das Salz in der Gewerkschaftssuppe, um eine wirklich würzige Podiumsmahlzeit zu kredenzen. Denn gerade die schwarz-gelben Köche hatten der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) abgesagt, am Eschweiler Regionalforum teilzunehmen. Während FDP-Landtagskandidat Kurt Victor kurzfristig krankheitsbedingt passen musste, fand CDU-Landtagsabgeordneter Axel Wirtz in seinem Terminkalender von vornherein keinen Platz, um mit politischen Kontrahenten und Gewerkschaftlern über auslaufende Braunkohleförderung, Wirtschaftlichkeit regenerativer Energiegewinnung und Zukunftsmodelle für die Tagebau- und Kraftwerksregion zu diskutieren.

So wurde es besonders für den Indestädter und SPD-Landtagskandidaten Stefan Kämmerling im Kulturzentrum Talbahnhof ein Heimspiel. Vor überschaulicher Kulisse duellierte er sich mit Albert Borschardt, dem Eschweiler Landtagskandidaten der Linken, Bundestagsmitglied Oliver Krischer von den Grünen und Ralf Wölk, DGB-Vorsitzender der Region Süd-West. Moderiert wurde die IG BCE-Podiumsdiskussion von Patrick Nowicki, Redakteur unserer Zeitung.

Allein in Eschweiler arbeiten über 1000 Menschen im Tagebau und Kraftwerk Weisweiler. Diese Arbeitsplätze stehen – mit Blick auf die 2030 auslaufende Braunkohleförderung – im Mittelpunkt aller politischen Agenden vor Ort. Über den Weg dahin gibt es allerdings Differenzen. „Radikal“ den Weg weg von der dreckigen Kohle und dem Risikofaktor Atomstrom verfolgen die Linken. „Der Umstieg muss jetzt beginnen“, forderte Albert Borschardt am Donnerstag. Weg von den Großkraftwerken und hin zu dezentralen Lösungen. „100 Prozent erneuerbare Energie ist bereits heute technisch möglich“, lautete sein Credo.

Dem widersprachen sowohl Kämmerling als auch Wölk. Für den Gewerkschaftler sei es falsch, rücksichtslos aus der Kohleförderung auszusteigen. „Dafür gibt es auch, aber nicht nur arbeitsmarktpolitische Argumente.“ Auch technisch sei man gerade bei der Energiespeicherung, betonte Kämmerling, noch nicht so weit, um komplett auf Kohle und notgedrungen auch auf Atomkraftwerke derzeit zu verzichten. Bei der Frage, neue Kraftwerke zu bauen, fanden Borschardt und Krischer auf der einen, Kämmerling auf der anderen Seite keinen gemeinsamen Nenner. „Warum alte Pötte laufen lassen, wenn man neue, effizientere und sauberere Kraftwerke bekommen kann?“, fragte der Sozialdemokrat in die Runde.

Trotzdem war allen Debattanten bewusst, dass ein Umdenken in Energiegewinnung und -nutzung in den kommenden Jahrzehnten eines der zentralen Themen sein wird. Wichtig sei es, anders als im Ruhrgebiet, den Strukturwandel frühzeitig anzupacken. „Die Verantwortung ist hier beiderseitig“, möchte Kämmerling auch den großen Energieversorger RWE Power mit in die Pflicht nehmen. „Die haben hier Milliarden abgeschöpft, jetzt muss man mit ihnen auch über die Zukunft reden. Die Region hat alle Chancen“, erhielt der SPD-Politiker Unterstützung vom Grünen Krischer.

Albert Borschardt steht den Großkonzernen dagegen kritisch gegenüber. Ob diese die Lösung für die Zukunft darstellen, bezweifelte der Kandidat der Linken. Oliver Krischer sieht den schwarzen Peter vor allem bei der schwarz-gelben Landesregierung, dass NRW neuer und innovativer Energieindustrie im Bereich Windkraft und Solar/Photovoltaik bisher so verhalten begegnet ist. Über 280 000 Beschäftigte, so Krischer, gebe es bereits im regenerativen Bereich, dank Rüttgers & Co. aber vornehmlich in Nord-, Ost- und Süddeutschland.

„Ein frühzeitiger Strukturwandel ist wichtig“, schloss denn auch DGB-Mann Ralf Wölk. „Der Markt alleine regelt das nicht“, nahm er die Politik in die Pflicht. Gleichzeitig betonte er, auch das zeige das schlechte Vorbild Ruhrgebiet, dass ein breiter Mix – also auch Kohle – dazugehöre. Nicht alle, so Wölk, können schließlich im Dienstleistungsbereich eine neue berufliche Perspektive finden. „Man darf die Industrie nicht vernachlässigen“, schrieb er Politikern ins Stammbuch.

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