Wir zitieren die Eifeler Zeitung vom 19.06.2012 (Bericht von Karl-Heinz Hoffmann)

Sozialdemokraten des Ortsvereins Simmerath feiern ihr 50-jähriges Bestehen im Lammersdorfer Hof. Franz Müntefering hält den Festvortrag. Interessantes rund um das Gründungsjahr 1962, unter anderem ein vergilbter Zeitungsartikel.

Lammersdorf. Der Schuhmachermeister Johann Mohr hatte am Donnerstag, 10. Mai 1962, also vor fünfzig Jahren, in die damalige Gaststätte „Genter“ in Lammersdorf (heute Kirchstraße 34) geladen, um einen Ortsverein der Sozialdemokratischen Partei (SPD) zu gründen. Im Jahre 1962 in der Eifel ein nicht alltäglicher Vorgang. Der im Dorf beliebte Mohr hatte für die Versammlung seine gesamte Familie mobilisiert, um die für eine Gründung erforderliche Mindestanzahl zusammen zu bekommen.

SPD-Prominenz

Die Einladung zu dieser Gründungsversammlung liegt auch heute noch auf vergilbtem Papier vor und konnte am Samstagabend im „Lammersdorfer Hof“, wo der Simmerather Ortsverein der SPD sein 50-jähriges Jubiläum im großen Stil feierte, bewundert werden. Beim knapp vierstündigen Festabend konnte Ortsvereinsvorsitzender Siegfried Peeters nahezu die gesamte sozialdemokratische Prominenz der Nordeifel, Bürgermeister Karl-Heinz Hermanns, den SPD-Unterbezirksvorsitzenden Martin Peters, Stefan Kämmerling, Mitglied des Landtags (MdL), und einen bekannten Genossen aus dem Sauerland begrüßen.

Bewegte Geschichte

Franz Müntefering, unter anderem ehemaliger Bundesvorsitzender der SPD, war angereist, um den Festvortrag an diesem Abend zu halten. Der 72-Jährige ließ in seinem Vortrag die bewegte Geschichte der SPD Revue passieren und stellte zum Gründungsjahr der Simmerather Genossen fest, dass das Jahr 1962 in die Zeit fiel, in der viele Menschen das Gefühl hatten, bezüglich der langen CDU-Dominanz etwas ändern zu müssen. Ergänzend fügte er hinzu, dass die SPD bereits 99 Jahre bestand, als 1962 der Ortsverein in Lammersdorf ins Leben gerufen wurde.

Als Zeitzeuge aus einem konservativem Elternhaus erinnerte sich das SPD-Urgestein, dass er 1965 in die Partei eingetreten sei. Auch wusste er zu berichten, dass die „Sozis“ in den Nachkriegsjahren in manchen Gegenden als „evangelische Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Franz Müntefering erinnerte aber auch an die Verdienste seiner Partei bei der Ostpolitik, ohne die die spätere Wiedervereinigung nicht möglich gewesen wäre. Für die Zukunft hielt er fest: „Es ist wichtig, dass wir den Menschen die Ideen unserer Politik näherbringen“, und stellte weiter fest: „Gespräche vor Ort können durch nichts ersetzt werden.“ In den Grußworten der anderen Gäste wurde die Wertschätzung zum örtlichen Parteijubiläum zum Ausdruck gebracht und Siegfried Peeters konnte manches Präsent als Gastgeschenk entgegen nehmen.

So hatte Bürgermeister Hermanns (CDU) den Zeitungsartikel von der Gründungsversammlung als Überraschung für das Parteiarchiv anbei. Fraktionschef Gregor Harzheim wusste in seinen Ausführungen politische Aktualität einzubauen und betonte, dass der Zentralort Simmerath einen Sportplatz brauche. Außerdem bat er MdL Stefan Kämmerling, sich in Düsseldorf für den ländlichen Raum nachhaltig einzusetzen. Dieser betonte in seinen Ausführungen, dass er sich auch als „Dienstleister“ für die Eifelgemeinden verstehe. Heimatforscher H. Jürgen Siebertz wurde dann nach den teils etwas lang geratenen Grußworten wieder die volle Aufmerksamkeit der Gäste zuteil, da er auch als Zeitzeuge Interessantes rund um das Gründungsjahr 1962 vortrug. Lammersdorf hatte damals noch einen eigenen Gemeinderat und der Friseurmeister Alois Mertens (CDU) fungierte als Bürgermeister.

„Stalin-Kurzhaarschnitt“

In dessen Friseursalon wurde laut Siebertz Politik vor Ort gemacht, und die SPD-Mitglieder bekamen vom konservativen Mertens einen „Stalin-Kurzhaarschnitt“ verpasst. Dazu gehörte sicher auch der eingangs erwähnte Johann Mohr, der den SPD-Ortsverein gründete. Da Mohr im Ort beliebt war, habe man ihm nachgesehen, dass er in der „falschen“ Partei war. Wie Siebertz weiter erklärte, hatten die Sozialdemokraten schon lange vor 1962 eine beachtliche Anhängerschaft vor Ort. Bei der Kommunalwahl 1952 konnten sie immerhin 88 Stimmen für sich verzeichnen (CDU 173).

Jupp Hammerschmidt

Den Abschluss des Festabends gestaltete Kabarettist Jupp Hammerschmidt mit einem Auszug aus seinem Programm, an dem sicher auch der zwischenzeitlich in Richtung Dürener Hauptbahnhof enteilte Franz Müntefering Spaß gehabt hätte.(ho)