Zugehört und die Sorgen an der Parteibasis aufgesammelt: SPD-Landtagskandidat Stefan Kämmerling, Martin Schulz, der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten im Europa-Parlament, und Ortsvereinsvorsitzender Rolf Engels (v.r.). Foto: J. Lange

Zugehört und die Sorgen an der Parteibasis aufgesammelt: SPD-Landtagskandidat Stefan Kämmerling, Martin Schulz, der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten im Europa-Parlament, und Ortsvereinsvorsitzender Rolf Engels (v.r.). Foto: J. Lange

Landtagsabgeordneter Axel Wirtz als Sündenbock im Visier der „Politikwerkstatt“ des SPD-Herausforderers Stefan Kämmerling. Probleme gesammelt.

Stolberg. Vor der Tür des Jugendheims Münsterbusch begrüßt ein freundlich lächelnder Axel Wirtz die Genossen. „Damit NRW stabil bleibt“, spricht der CDU-Landtags­abgeordnete die Passanten vom Wahlplakat herunter an. In der IG-Stube des Jugendheims wird Axel Wirtz dagegen zum personifizierten schwarzen Sündenbock für Mängel in Stolberg, die die Sozialdemokraten der Landesregierung zur Last legen. Immer wieder wird bei der „Politikwerkstatt“ seines Herausforderers der Refrain beschworen: „Wirtz hat sich nicht genug gekümmert.“

Der, der in die Rolle des nachhaltigen Kümmerers um die kleinen und großen Sorgen aller Bürger schlüpfen möchte, heißt Stefan Kämmerling. In Form von Visitenkarten und Flyern mit dem Slogan „9. Mai Erststimme“ liegt er auf den Tischen und grüßt von der Leinwand am Kopf der Stube. Doch es ist keine Powerpoint-Präsentation, kein mit Bildern unterstützter Vortrag, den der Herausforderer aus Eschweiler halten will. Programmatische Reden, Visionen und Versprechen hat der Landtagskandidat erst gar nicht mitgebracht. Nur eins: Das Versprechen, dass er sich eben kümmern will, um die Probleme der Menschen in diesem Wahlkreis. Das macht Stefan Kämmerling, in dem er sie fragt: „Wo drückt der landespolitische Schuh?“ Er drückt, sagen wie im Chor ein Dutzend Genossen, die seiner Einladung gefolgt sind; die meisten von ihnen sind in der kommunalpolitischen Arbeit der SPD in Stolberg tief verwurzelt.

Ein Grund für Kämmerling, das frisch verabschiedete Landeswahlprogramm der SPD nur mit einem Nebensatz zu streifen. „Das ist richtig und wichtig“, sagt der 34-Jährige einen Abend nach seinem Geburtstag. Aber ein Programm allein reiche nicht aus für einen Wahlkreis, der so unterschiedlich wie die Topografie zwischen der Nordeifel und Eschweiler so vielfältige Probleme aufwerfe. Die sind es, die er nach Düsseldorf tragen will, sagt der Bankangestellte und ist ganz Ohr für das, was hier ans Herz gelegt wird.

„Bitte nehme Dich an . . . “

Lange vorstellen muss Rolf Engels den Kandidaten nicht mehr. Man kennt sich. So geht der Vorsitzende des Ortsvereins Nord-Süd gleich zur Sache über. „Bitte nehme Dich an . . .”, erklingt es wie bei der Heiligenlitanei in katholischen Gottesdiensten immer wieder, als Engels und seine Parteigenossen die Probleme ansprechen. Verkehr ist Thema Nr.1 in dem Ortsverein, der von Atsch über Breinig bis Venwegen reicht und vielfältig von Landesstraßen durchzogen ist. Entsprechend sind die Adressaten der Kritik die Landesregierung, der Landesbetrieb und der Landtagsabgeordnete.

„Die Cockerillstraße (L 221) in Münsterbusch wird als Thema gar nicht wahrgenommen“, klagt Rolf Engels. Die wird spätestens mit dem Autobahnanschluss bei Eilendorf ebenso mit weiterem zusätzlichem Verkehr belastet wie die Sebastianusstraße (L 236) in Atsch. Auf Beiden müssen vorher verkehrsberuhigende Maßnahmen greifen, fordert die Basis bei ihrem Landtagskandidaten ein. Dessen Referentin tippt den Punkt in ihren Computer, und in großen Lettern steht’s an der Wand zu lesen: „Verkehrsberuhigung Cockerillstraße“. Das sieht „nicht nur gut an der Wand aus“, befindet Kämmerling, „das wird auch mein Arbeitsprogramm für Düsseldorf“. Aus allen Workshops im Wahlkreis trägt er so das zusammen, um was er sich später kümmern möchte. Dabei ist dieses Problem aus vorangegangenen Gesprächen beim Kandidaten ebenso schon bekannt wie die meisten weiteren des Abends.

„Was ich verspreche, werde ich halten“, betont Stefan Kämmerling. „Ich bin kein Tourist in Stolberg“, aber hier oft unterwegs. So hat er auch schon vom Nachtigällchen gehört. „Der Kreisverkehr lässt weiter auf sich warten“, erinnert Hildegard Nießen an den eigenen Einsatz um die Umgestaltung der gefährlichen Kreuzung aus ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete, die 2005 zu Ende gegangen ist. Ratsdame Andrea Liepertz fügt die L 12 der Liste hinzu. „Der Ortseingang wird von den Autofahrern ebenso wenig wahrgenommen wie von dem Landtagsabgeordneten“, klagt Liepertz an. „Wir fühlen uns von ihm in Breinig hintenangestellt.“ Nicht einmal ein Ortseingangsschild habe man um ein paar Meter verrücken dürfen. Dabei habe es immer wieder Ortstermine – auch für einen fehlenden Gehweg und die Kreuzung mit den Kreisstraßen 13/14 – gegeben, aber immer wieder hätte man die Bürger vertrösten müssen. „Bitte nehme Dich an“, fordert Liepertz.

„Ein klares Versprechen“, sagt Kämmerling und erklärt: „Tempo-30-Strecken dürfen nicht davon abhängig gemacht werden, wer wo wohnt.“ Ein Ball, den Andrea Liepertz nur zu gerne aufgreift: „Eigentümlicherweise geht das in Gressenich, was da in Breinig verwehrt wird.“ Ein Fall, auf den man sich berufen werde, merkt Hildegard Nießen an, und Rolf Engels erklärt „Stolberg zum Stiefkind des Landesbetriebs Straßenbau“, während man sich im Nordkreis und in der Nordeifel längst anschauen könne, wie zeitgerechte Straßengestaltung aussehe. „Das war zu Zeiten von Hildegard Nießen und Hans Vorpeil in Düsseldorf anders“, befindet Engels.

Erfahrung von Hildegard Nießen

Erst recht in Zeiten, in denen das Geld knapper denn je ist, ist man dann erfolgreich, wenn man immer wieder vorstellig wird, berichtet Nießen von ihren Erfahrungen: „Dann kann man Geld nach Stolberg holen.“ Und schon damals sei der Ausbau der L 238 n anfinanziert gewesen; jetzt werde der für Stolberg wichtige dritte Abschnitt nicht vor 2015 begonnen.

50 Minuten lang haben die Genossen die Verkehrsprobleme diskutiert, als sich ein besonderer Besucher erstmals zu Wort meldet: Martin Schulz, der Vorsitzende der SPD im Kreis und der sozialistischen Fraktion im Europa-Parlament, hat aufmerksam gelauscht. „Der Bürger kann Strukturen immer schwerer erkennen“, bilanziert Schulz. Die Aushöhlung der öffentlichen Finanzen habe System, und es wäre „ein Akt der Ehrlichkeit“, wenn es zugegeben würde, das Geld den Kommunen zu entziehen, um Landesaufgaben erfüllen zu können.

Bogen nach Berlin gespannt

„Wer will, dass sich etwas ändert, muss für eine andere Politik im Land sorgen“, markiert Schulz. Nordrhein-Westfalen komme eine entscheidende Bedeutung für die Politik im Bund zu, spannt der Routinier den Bogen nach Berlin. Deshalb würden CDU und FDP alles in die Waagschale werfen: „Es wird noch viele Ministerbesuche und Spatenstiche bis Mai geben“, prognostiziert Schulz. „Das haben wir auch so gemacht, es ist legitim, eine Bilanz vorzulegen. Aber die Wähler wählen nicht wegen der Spatenstiche, sondern das nachhaltig bessere Programm.“

Und auch Stefan Kämmerling wird doch noch ein wenig programmatisch, stellt den von der SPD geforderten Fonds vor, in den kreditgeplagte Städte ihre Schulden wie zu einer „Bad Bank“ abschieben könnten. Während die dann durch die solidarischen Steuerzahler des ganzen Landes getilgt würden, sollten die Städte in einem bestimmten Zeitraum beweisen, dass sie einen ausgeglichenen Haushalt schaffen. Doch dass dies Stolberg helfen könnte, wird selbst von dem Bankangestellten bezweifelt.

Keinen Zweifel haben die Genossen daran, dass ein Regierungswechsel ihren Forderungen für eine Gesamtschule in Stolberg hilfreich sein würde. „Wir stehen zum pluralistischen Schulsystem“, betont Hilde Nießen, das habe die SPD durch Millionen-Investitionen in den letzten Jahren dokumentiert. Aber „wenn wir Gesamtschule sagen“, ärgert sich Ratsherr Patrick Haas, „dann sagt die CDU sofort Einheitsschule“. Und Stefan Kämmerling knüpft an, „als wir offene Ganztagsschule sagten, sagte die CDU Verwahrschule, und heute ist dies ein Erfolgsmodell.“ Für ihn stehe die Gesamtschule jedenfalls ganz oben auf der Agenda. Für diese, bei den Politikwerkstätten zusammengetragene Themen, „verspreche ich anstrengend zu sein und mich zu kümmern“. Und im Gegenzug versprechen die Genossen, Stefan Kämmerling zu unterstützen im Kampf um Erststimmen und Direktmandat. Denn das muss der Esch­weiler mit Listenplatz 91 gewinnen, um in den Landtag einziehen zu können. „Der Wahlkreis ist gewinnbar“ prophezeit Martin Schulz am Ende des Abends.

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