Stefan Kämmerling mit Hannelore Kraft

Stefan Kämmerling mit Hannelore Kraft

Die Spitzenkandidatin der NRW-SPD plaudert in Aachen locker aus ihrem Leben. Um Politik geht es nur am Rande. Doch die neue Art des Wahlkampfes bedeutet für die Partei auch eine Gratwanderung.

Von Ralph Allgaier

Theater: Auf der Bühne eine weiße Ledersitzgruppe. Ein Tisch mit Obstkorb. Zwei Stehlampen verbreiten kuschelige Behaglichkeit. An den Wänden zeigt ein Foto in schwarzem Rahmen eine junge, blonde Frau vor einem Londoner Doppeldeckerbus. Daneben eine Bilderbuchfamilie mit Hund.

Eine leichte Boulevardkomödie wird hier freilich nicht gegeben. Statt dessen erlebt man ein Lehrstück über den Versuch der NRWSPD, neue Wege in der Wahlkampfgestaltung zu gehen. Wegzukommen von der Politiker-Sonntagsrede, von den immer gleichen Parolen, die vielen Wählern zum Hals raushängen. Die blonde Frau auf den Fotos ist natürlich niemand anderes als SPDSpitzenkandidatin Hannelore Kraft. Sie nimmt auf dem Sofa Platz und will fast gar nicht über Politik reden. Den Menschen Kraft sollen die Bürger kennenlernen, ihr Leben, ihre Familie, ihre Hobbys. Dabei sekundiert ihr Reinhard Münchenhagen, altgedienter Fernsehtalkmaster in Sendungen wie „Je später der Abend“.

Gute Idee, möchte man meinen, und doch begibt sich die Landes-SPD mit diesem Konzept auf eine nicht unproblematische Gratwanderung. Denn was so spontan und ungeschminkt daherkommen soll, ist in hohem Maße inszeniert. Die beiden sind quasi gemeinsam auf Tournee, und die Rüttgers-Herausforderin wird selbstverständlich von keiner Frage überrascht, und auch wenn man bei Medien-Profi Münchenhagen den Eindruck haben könnte, er würde so journalistisch und offen moderieren wie einst in seinen TV-Sendungen, so ist er nicht mehr als ein elegant-unkonventioneller Stichwortgeber. Insofern halten sich Überraschungs- und Neuigkeitswert des betulichen Gesprächs in gewissen Grenzen.

Keine leichte Jugend

Hannelore Kraft, die 48-jährige Mülheimerin, hat eine dieser klassischen Biographien einer Sozialdemokratin: eine Jugend, „die nicht ganz leicht war“, Eltern in einfachen Berufen, ein kurviger Ausbildungsweg, nie die große Karriere geplant, sondern vieles „aus Zufall“ oder mit sicherem Bauchinstinkt angegangen. Ihr gelegentlich durchscheinener Ruhrpottslang („Kumma, der Jung is da“), ihre sympathische, unkomplizierte Art, ihre Ehrlichkeit („Mir merkt man leider an, wenn ich jemanden nicht mag“), ihr spürbarer Elan, die Dinge entschlossen anzupacken – das sind Eigenschaften, die bei aller Inszenierung gut rüberkommen an diesem Abend. Und es mag die meisten Zuhörer auch interessieren, dass Kraft sich zwar „als zeitweise frauenbewegt“ bezeichnet, aber dann doch auf Distanz zu Radikal-Emanzen gegangen ist. Dass ihr Mann trotz Berufstätigkeit fast den ganzen Haushalt schmeißt. Dass sie fast vor Sehnsucht umgekommen ist, als Sohn Jan für ein Jahr nach Amerika ging. Trotzdem muss die SPD aufpassen, dass ihre politischen Konzepte bei dieser Form des menschelnden Wahlkampfes nicht all zu sehr in den Hintergrund geraten.

Wie gut, dass es noch eine zweite Gesprächsrunde gibt, die mehr Bezug zum Geschehen im Landtag hat. Gemeinsam mit den Landtagskandidaten Claudia Walther und Karl Schultheis (beide Stadt Aachen) sowie Eva-Maria Voigt-Küppers und Stefan Kämmerling (beide Städteregion Aachen) war Kraft am selben Tag zu einem Praktikum quasi mitten ins Leben aufgebrochen. Kraft machte eine Schicht im Aachener Luisenhospital mit, ihre Genossen arbeiteten in einer Offenen Tür für Jugendliche, im Kinderheim und auf der Demenzstation. Alle kamen beeindruckt davon zurück, wie es den Beschäftigten in Sozialberufen gelinge, trotz widriger Bedingungen Großartiges zu leisten und etwa benachteiligten Jugendlichen gute Perspektiven zu verschaffen.

Teure Nachsorge

Ein Besuch in sozialen Einrichtungen animiert offenbar zu politischem Engagement. Und so brachte Kraft nun eine ihrer Kernbotschaften an: „Wir dürfen kein Kind mehr verlieren!“ Deutlich mehr Geld müsse in die Bildung gesteckt werden, in eine Ausbildungsgarantie, in Prävention statt teurer Nachsorge. „In Köln kostet die Inobhutnahme eines Kindes, das nicht mehr in seiner Familie bleiben kann, jährlich 84 000 Euro. Was könnte man mit diesem Geld alles in der Vorsorge finanzieren!“ Claudia Walther kritisierte, dass „die Jugendarbeit ausbaden muss, was in der Schule nicht geleistet wurde.“ Die Schlussfolgerung der SPD: „Weg mit der unseligen Selektion nach dem vierten Schuljahr, aus der kein Mensch mehr rauskommt“, sagte Kraft und betonte: „Für all das braucht der Staat viel Geld, und deshalb kündigen wir auch vor der Wahl bereits Steuererhöhungen an – beim Spitzensteuersatz, über eine Vermögensteuer und eine Börsenumsatzsteuer.“ CDU und FDP führten das Land „in eine entsolidarisierte Gesellschaft“.

Artikel als PDF