Rudi Bertram: „Das geht mir richtig auf den Nerv“

Damit meint er das Thema der verkaufsoffenen Sonntage . NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin spricht auch darüber und besucht eine Firma in Eschweiler.

In voraussichtlich 13 Jahren wird das Kraftwerk Weisweiler stillgelegt. Die Wirtschaftsstruktur in Eschweiler wird sich dadurch verändern – nicht erst in 13 Jahren, sondern längst vorher. Die Stadt Eschweiler kämpft deshalb für sich und für die gesamte Region um Fördermittel des Landes. Vor diesem Hintergrund besuchte NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin gestern Eschweiler. Er besichtigte auf Einladung des SPD-Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling die Bytec Medizintechnik GmbH. Dieses Unternehmen entwickelt und baut medizinische Geräte und gilt als ein Musterbeispiel für erfolgreiche Firmenansiedlung in Eschweiler.

Chinesische Messebauer

Beim Rundgang durch die Entwicklungsabteilung der Bytec, die seit 2011 im Industrie- und Gewerbepark Weisweiler (IGP) ihren Sitz hat, waren einige medizintechnische Geräte unter großen weißen Tüchern versteckt. Manche Auftraggeber haben es gar nicht gern, wenn Details ihrer Planungen oder gar Fotos von den für sie entwickelten Geräten öffentlich würden. Das ist keine übertriebene Geheimniskrämerei, versicherte Paul Willi Coenen, Geschäftsführer der Bytec, dem nordrhein-westfälischen Innenminister. Er habe es schon erlebt, dass bei einer Messe, bei der eines der medizinischen Geräte des Eschweiler Unternehmens gezeigt wurde, eine Gruppe chinesischer Messebesucher versuchte, den Deckel des Geräts zu öffnen, um das Innere zu fotografieren. Der war zum Glück gut verschraubt. Auch die Software der Geräte sei so gesichert, dass man sie nicht einfach auslesen und kopieren könne.

Die Bytec GmbH, gegründet 1992 in Stolberg, ist auf Entwicklung und Bau medizinischer Geräte für Chirurgie, Therapie und Diagnostik spezialisiert, die von den Auftraggebern weltweit eingesetzt werden. Die Stärke des Unternehmens ist zum einen eine ganzheitliche Entwicklung der Produkte, erläuterte Coenen. Bytec entwickelt sowohl Hard- als auch Software, erarbeitet die Dokumentation, kümmert sich um die Zulassung, übernimmt die Produktion vom Prototypen bis hin zur Serienfertigung und schließlich auch den Service. Wenn es sehr eilt, setzt sich ein Ingenieur auch mal in ein Flugzeug und fliegt zum Einsatzort.

Besonders stolz ist man in dem Unternehmen auf das hohe Entwicklungstempo. Was anderswo Jahre dauert, schaffen die Bytec-Mitarbeiter in wenigen Monaten. Als Beispiel nannte Geschäftsführer Coenen ein gerade entwickeltes Gerät für die Herz-Therapie, eine Herzkatheter-Steuerung. Vom ersten Entwurf bis zum CE-Zertifikat dauerte es 15 Monate: „Das ist so ziemlich Weltspitze für solche Hochrisiko-Produkte!“ Dabei entstehen die meisten Kosten nicht einmal bei der Entwicklung selber, sondern für die Dokumentation: 70 Prozent! Beim Rundgang durch die Büros und die Werkhalle durften die Besucher auch einen Blick in den Dokumentationsraum werfen: Raumhohe Regale, dicht an dicht gefüllt mit Hunderten Aktenordnern.

Mit 41 Mitarbeitern zog die Medizintechnik-Firma 2011 von Stolberg nach Eschweiler um. Die Indestadt bot größere Flächen an als zum Beispiel Aachen. Außerdem legt sie, wie Bürgermeister Rudi Bertram gern bestätigt, Wert auf guten Kontakt zu den neuen Firmen und auf schnelle Problemlösungen. Seit der Ansiedlung ist der Umsatz um 165 Prozent, die Zahl der Mitarbeiter auf 74 gestiegen, vier weitere werden gerade eingestellt. Derzeit plant die Bytec GmbH eine Erweiterung. Das Firmengebäude soll doppelt so groß werden wie bisher.

„Sofort Abhängigkeiten“

Wirtschaftsminister Garrelt Duin zeigte sich sichtlich angetan vom Unternehmenskonzept und dem Wachstumskurs der Bytec GmbH: „Wenn wir für Sie etwas tun können…“ Ja, das könne man im Ministerium, fand Geschäftsführer Coenen. Ein großes Problem für das Medizintechnik-Unternehmen seien Finanzierung und Finanzierungsunterstützung. Zwar habe man eine beeindruckende Eigenkapital-Quote von 50 Prozent, und es sei auch einfach, Fremdkapital zu holen – „aber dann haben wir sofort Abhängigkeiten“. Und die möchte Coenen vermeiden. Minister Duin will jetzt einen Kontakt zur NRW-Bank vermitteln, der Förderbank des Landes.

Nach der Firmenbesichtigung setzten sich Minister Duin, Landtagsabgeordneter Kämmerling und Bürgermeister Bertram noch im Seehaus 53, dem Restaurant am Blausteinsee, zu einem Kaffee zusammen. Einerseits für eine Eintragung des Wirtschaftsministers in das Goldene Buch der Stadt, vor allem aber auch, um den Minister für zwei Themen zu sensibilisieren, die den regionalen Politikern auf den Nägeln brennen. Das eine sind die verkaufsoffenen Sonntage. Die werden derzeit untersagt, wenn es dafür nicht ganz klar einen echten Anlass gibt, zum Beispiel ein historisch gewachsenes Fest. Zwar war Eschweiler jetzt nicht betroffen, wohl aber Städte in der Nachbarschaft. Rudi Bertram gestern: „Das geht mir richtig auf den Nerv!“

„Wir können die gesetzliche Regelung nicht wegdiskutieren“, wehrte Duin ab. Wenn man aber den Antrag sorgfältig und frühzeitig vorbereite, habe das Aussicht auf Erfolg. Ohnehin werde über die Regelung derzeit in der Politik diskutiert.

Schwergewichtiger war der andere Sorgenpunkt, den Bürgermeister und Landtagsabgeordneter vorbrachten. Sie wünschen sich Fördermittel für den bevorstehenden Strukturwandel in der Region. Was kommt nach der Braunkohle? Darum will man sich nicht nur in Eschweiler, sondern in der gesamten Region bereits jetzt kümmern. Für die Stadt Eschweiler ist das schon seit Jahren ständige Aufgabe, belegte Bürgermeister Bertram mit Zahlen. Im IGP sind im Lauf der Jahre 1200 Arbeitsplätze entstanden. Wenn aber in etwa 13 Jahren die meisten der 1480 Arbeitsplätze im Kraftwerk Weisweiler verschwinden werden, braucht die Stadt Eschweiler rechtzeitig weitere Firmenansiedlungen und die notwendige Infrastruktur.

Weiche Fakten zählen auch

Die Innovationsregion Rheinisches Revier GmbH (IRR) ist ein Zusammenschluss, der den Strukturwandel im Braunkohlenrevier vorbereiten soll. Dort arbeiten die Städteregion Aachen, viele Landkreise und Institutionen wie die Industrie- und Handelskammern Aachen und Köln zusammen. Die IRR hatte sich für die sogenannte Regionale beworben, ein regionalisiertes strukturpolitisches Förderungsinstrument des Landes. Sie hatte sich aber nicht durchsetzen können. Politiker der Region – und so auch gestern Stefan Kämmerling und Rudi Bertram – erhoffen sich jetzt eine besondere Berücksichtigung bei anderen Förderprogrammen zur weiteren Verbesserung der Infrastruktur. Wenn es um Firmenansiedlung geht, so Kämmerling, zählen ja auch die weichen Fakten wie Kindertagesstätten, gute Schulen, Freizeitangebote. Vom Land erhofft man sich eine wohlwollende Berücksichtigung. Auch das wurde dem NRW-Wirtschaftsminister mit auf den Heimweg gegeben.

(Quelle: Eschweiler Nachrichten / Eschweiler Zeitung vom 26.04.2017; Bericht von Friedhelm Ebbecke-Bückendorf)

2017-04-26T12:34:26+00:00 Mittwoch, 26. April 2017|