Hoffen auf zweite Verzinnungsanlage

Arbeitsminister Rainer Schmeltzer bei KMD. Das Joint Venture will profitieren vom boomenden Markt für Steckverbindungen.

„Beziehen sie möglichst wenig Kupfer aus den Minen, sondern besser aus Lünen“: Für Rainer Schmeltzer ist Kupfer kein Buch mit sieben Siegeln. Der NRW-Arbeitsminister stammt aus der größten Stadt des Kreises Unna, wo die Aurubis AG das weltweit größte Werk zum Kupferrecycling betreibt. Aber nicht deren Stolberger Standort an der Zweifaller Straße, wo der Hamburger Konzern Bänder, Folien und Profildrähte produziert, ist an diesem Tag das Ziel des Sozialdemokraten, sondern gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling, dem Europaparlamentarier Arnd Kohn und weiteren Parteigenossen besucht Schmeltzer das älteste Messingwerk der Welt – heute mit Sitz an der Kupfermeisterstraße.

Bis ins Jahr 1575 zurück führen die Wurzeln der früheren Stolberger Metallwerke, die heute nicht nur unter dem Namen KMD Connectors firmieren, sondern auch das erste deutsch-chinesische Joint Venture der Kupferstadt sind. „Es hat sich sehr gut entwickelt“, sagt Geschäftsführer Martin Thiel.

Hoher Organisationsgrad

Denn vor drei, vier Jahren stand das auf den Kupfermeisterfamilien von Asten, Lynen und Schleicher basierende Unternehmen „auf der Kippe“, formuliert Thiel. Auch in der Folge der Wirtschaftskrise baute der italienisch beherrschte Eigentümer KME mit Sitz in Osnabrück Maschinen und Personal an der Kupfermeisterstraße ab. Die Belegschaft protestierte, die Gewerkschaft stärkte ihr den Rücken. „90 Prozent der Mitarbeiter sind bei der IG Metall organisiert“, sagt ihr Bevollmächtigter Martin Peters zum hohen Organisationsgrad in der Gewerkschaft und betont: „Das Wissen der Belegschaft ist einer der Schlüssel zum Erfolg.“

Der andere ist die Verzinnungsanlage, mit der die 2014 gegründete KMD Gruppe hoch spezialisierte Steckverbindungen zu 95 Prozent für die Automobilbranche produziert. Während die KME das Stolberger Werk in das Joint Venture eingebracht hat, sorgen Golden Dragon und die Provinz Xinxiang mit 100 Millionen US-Dollar für Liquidität sowie den Aufbau einer neuen voll integrierten Produktionsstätte in Henan. Sie soll Mitte 2018 mit Fertigstellung des Schmelzofens komplett in Betrieb gehen. „Das Werk wird quasi von hinten aufgebaut“, erklärt Thiel. Mit Stolberger Unterstützung ist die Produktion auf Basis von angeliefertem Halbzeug bereits angelaufen, um auf einen festen Kundenstamm bauen zu können, wenn die Öfen einen kontinuierlichen Output liefern. „In unserer Belegschaft besteht eine hohe Bereitschaft, das Werk in China mit aufzubauen“, lobt der Geschäftsführer. In Stolberg habe man verstanden, dass es keine Konkurrenz darstelle, sondern auf dem asiatischen Markt andere Abnehmer beliefere als die, die von der Kupfermeisterstraße aus bedient werden. „Und Kupfer hat einen so hohen Wert, dass man es nicht monatelang verschiffen möchte“, sagt Thiel. Er weist dem Metall eine zunehmende Bedeutung zu: „Der Markt wird boomen“. Über 2500 Steckverbindungen werden bereits heute in einem Auto verbaut. Elektromobilität und weitere Automatisierung bescheren eine steigende Nachfrage. „Die Marktkapazitäten reichen schon heute nicht mehr aus, sie zu befriedigen“, sagt Thiel.

In diesem Jahr sollen in Stolberg wieder Gewinne erzielt werden. Aber zwei Sorgen hat der Manager, der gemeinsam mit Personalchef Bernd Reimann, Albert Rumbach als Leiter Technisches Marketing und Wolfgang Hauch als Leiter Arbeitssicherheit sowie mit Thomas Schlick und Dirk Fuchs als Vorsitzende des Betriebsrates zu den Produktionsstätten führt:

Die mittlerweile wieder 250 Mitarbeiter weisen einen hohen Altersdurchschnitt auf. „Es fehlen zwei Generationen für einen optimalen Wissenstransfer“, benennt Thiel eine Folge des früheren Personalabbaus. Als Konsequenz hat das Unternehmen die Möglichkeiten zur Altersteilzeit geöffnet und leistet sich den „Luxus einer eigenen Ausbildungswerkstatt“ – obgleich der Arbeitsminister ein solches Engagement nicht als Luxus gewertet sehen möchte.

Parkhaus ein Problem

Zudem fehlt für ein erfolgreiches Wachstum am Standort eine zweite Verzinnungsanlage zur Erweiterung der Kapazität der vorhandenen Linie. Sie wurde im früheren Werk Menden demontiert, 1990 in Stolberg aufgebaut und stetig erweitert. Mit ihr wird die nur ein bis fünf μ dünne Beschichtung auf das Kupferband aufgetragen. Aber derzeit steht das Geld für die Investition in eine zusätzliche Verzinnungsanlage nicht bereit. Zwar werden seit 2015 wieder schwarze Zahlen geschrieben, und im vergangenen Jahr hat man fast die Gewinnzone erreicht. „Aber noch drücken zu sehr die Altlasten aus der Vergangenheit“, sagt Thiel.

Dies ist auch eine Sorge der Mitarbeitervertreter, mit denen sich Rainer Schmeltzer am Ende des Rundgangs noch kurz austauschen kann. „Es wird nicht investiert“, beklagt Thomas Schlick. Der Vorsitzende des Betriebsrates befürchtet, dass das Werk und damit die Belegschaft abgeschnitten werden von der wirtschaftlichen Zukunft. Die italienische Konzernleitung – die Intek Gruppe mit Sitz in Mailand – denke nicht daran, in Stolberg zu investieren, monieren die Betriebsräte. Sie sehen ebenso das Erfordernis einer zweiten Verzinnungslinie, um den Standort auch für die weitere Zukunft zu sichern. Zumindest bei der Schaffung von Rahmenbedingungen könne die Landesregierung behilflich sein, signalisiert Stefan Kämmerling.

Aber bei einer zweiten Sorge der Belegschaft kann auch ein Arbeitsminister nicht helfen: Drogenumschlag, Randale und Vandalismus im Parkhaus Kupfermeisterstraße, das vom Unternehmen von der Stadt zu einem großen Teil als Stellplatz für die Autos der Mitarbeiter angemietet wurde. Bei diesem Problem muss Rainer Schmeltzer passen. Zudem wartet eine Podiumsdiskussion im heimischen Wahlkreis. Nach einer guten Stunde im ältesten Metallwerk der Welt macht sich der Arbeitsminister wieder auf den Weg ins heimische Westfalen.

(Quelle: Stolberg Nachrichten / Stolberg Zeitung vom 11.04.2017; Bericht von Jürgen Lange)

2017-04-20T00:05:21+00:00 Dienstag, 11. April 2017|